Tag des Sieges und Tag der Schande: der 9. November

 

                         Rosa Luxemburg                                                                                                     brennende Synagoge in Gelsenkirchen 1938

 

Tag des Sieges, weil der 9. November 1918 für die größte und erfolgreichste Massenbewegung in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung steht, Geburtstag der ersten deutschen Republik, der Tag, an dem der Kaiser in das Exil abreist.

Tag der Schande, weil am 9. November 1938 die Mordbanden der Nazis ein Pogrom veranstaltet haben, das den Auftakt zu einem der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit bildete.

Die deutsche Revolution liegt heute 91 Jahre zurück, das Pogrom 71 Jahre. Beide Ereignisse stehen in einem unauf1ösbaren Zusammenhang, und doch können wir erleben, wie das offizielle Berlin, wie die Medien der Bundesrepublik sich auf das Pogrom konzentrieren. Von der Revolution ist allenfalls beiläufig die Rede, mitleidig bis abfällig, spöttisch bis herablassend.

Viele von denen, die jedes Jahr am 9. November der ermordeten und gedemütigten Juden gedenken, wissen nur wenig von der Revolution und ihrer Bedeutung. Das ist die wichtigste Tatsache und der größte unter den Erfolgen der Revolution des 9. November: Sie hat einen Weltkrieg beendet. Damals, als auf Schillig-Reede vor Wilhelmshaven die Heizer das Feuer unter den Kesseln herausgerissen haben - dort begann der Friede! Ohne den beharrlichen Widerstand, ohne den Mut der Revolutionäre – auch hier in Gelsenkirchen – hätte dieser Krieg noch Jahre fortgedauert und die Opfer der letzten Jahre hätten alles überstiegen, was die Völker bis dahin schon hatten erdulden müssen.

Aber dabei blieb es nicht. Die Männer und Frauen des November 1918, die von ihnen getragenen Massenbewegungen stürzten den Kaiser, diesen Götzen eines ganzen politischen Systems, und mit ihm jene Fürstenkaste, die das deutsche Volk Jahrhunderte lang durch Not und Krieg geschleift hatte,  zerbrachen das preußische Dreiklassenwahlrecht. Sie gaben den Frauen das Stimmrecht. Sie befreiten die Dienstboten und Landarbeiter von der Tyrannei der Gesindeordnungen und Ausnahmegesetze. Sie setzten die Grundschule als Gesamtschule der ersten vier Schuljahre durch.

Und sie legten das Fundament der Tarifpolitik, wie wir sie kennen. In Tagen erreichten sie mehr als alle Kampagnen und Manifestationen in den Jahrzehnten davor. Die Tarifvertrags-Verordnung, die den Vorrang des Tarifvertrages vor dem Einzelarbeitsvertrag festlegte, trägt das Datum des 23. Dezember 1918. Und es brauchte die Revolution des 9. November, um den einfachen Satz in die Maschine zu diktieren: „Die regelmäßige tägliche Arbeitszeit ausschließlich der Pausen darf die Dauer von acht Stunden nicht überschreiten.“

Die Gewerkschaften wurden im Feuer der Revolution geradezu neu geboren. Die Mitgliedschaft der sozialistisch orientierten Freien Gewerkschaften vervielfacht sich von einer Million auf fast acht Millionen. Und diese Millionen neuer Mitglieder bleiben trotz aller politischen Enttäuschungen bis in die Inflationsmonate 1923 hinein treu.

Und so richtete sich der ganze Haß der Konterrevolution, der deutschen Faschisten gegen dieses Datum.  Deshalb hatten die Nazis ein so inniges Verhältnis zum Datum der Revolution, zum 9. November, dass sie ihren Putsch 1923 auf dessen fünften Jahrestag ansetzten, dass sie sich seither jedes Jahr an diesem Tag im Kreis der „alten Kämpfer“ trafen, dass sie an diesem Tag 1925 der SS ihren Namen gegeben haben, und dass sie 1938 kein besseres Datum wussten, „es den Juden zu zeigen“, als den 9. November. Die Revolution war der zentrale Punkt. Ihre Ergebnisse sollten ausgelöscht werden, ihre Vorkämpfer ermordet, ihre Idee diffamiert und dem Vergessen anheim gegeben werden.

Das Erinnern an die Verbrechen der Nazis ist letztlich nutzlos, wenn darüber die Forderungen der Revolution vergessen werden. Auch das Pogrom von 1938 wurde eben mit dem Ziel unternommen, die Erinnerung an die Revolution des 9. November 1918 auszulöschen. Auch wenn es den Beteiligten nicht bewusst ist und noch weniger in ihrer Absicht liegt: Wer am 9. November von der Revolution der Matrosen und Soldaten des Jahres 1918 schweigt und statt dessen allein an die Verbrechen der Mordbanden des Jahres 1938 erinnert, der vollzieht, was er zu bekämpfen meint.

Es nimmt den Opfern von 1938 nichts, ja es macht ein würdiges Gedenken überhaupt erst möglich, wenn man diese Zusammenhänge aufdeckt und den 9. November endlich wieder zum Jahrestag der deutschen Revolution macht, des Kampfes gegen Ausbeutung und Krieg, gegen den Imperialismus in allen seinen Formen.

Es ist sicher notwendig, immer neu, Jahr um Jahr, daran zu erinnern, wozu die Faschisten im allgemeinen und die deutschen Nazis im besonderen fähig waren und sind. Aber es ist genauso wichtig, daran zu erinnern, welche gewaltige Kraft die Arbeiterbewegung vor den Katastrophen des 20. Jh. war — und wieder sein kann, wenn sie nur will. Das eine steht nicht gegen das andere. Wir brauchen beides

DKP Gelsenkirchen

 

(Nach einem Aufsatz von Peter Scherer: Bedeutung der Novemberrevolution für die deutsche und europäische Geschichte; in: Zeitschrift Z, Nr. 77, 2009; Der komplette Text ist nachzulesen auf der website der DKP Gelsenkirchen: www.dkp-ge.de/9-11/ )

V.i.S.d.P. Rolf Jüngermann, Gelsenkirchen

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