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DAS PHILOSOPHISCHE GESETZ DER ÖKOLOGIE - MARX & DARWIN
GERHARD BRANSTNER (Marxistische Blätter 5-1997)
Darwins Entdeckungen führen schnurstracks zum Kommunismus. Der Kommunismus ist die logische Konsequenz des Darwinismus. Das ist eine abenteuerliche Behauptung. Wenn sie aber richtig ist, haben wir es mit einer ungeheuren Erkenntnis zu tun. Und mit einem tiefen Eingriff in Wesen und Struktur des Marxismus. Daher ist zu Beginn ein Wort nötig zu dem, in was da eingegriffen wird. Und am Ende ein Wort zu den Folgen des Eingriffs.
1. DER MARXISMUS ALS WISSENSCHAFT
Der Marxismus ist eine Wissenschaft, und zwar die einzige in Bezug auf seinen Gegenstand. So wenig es zwei Physiken gibt oder fünf Mathematiken oder siebenundzwanzig Philologien, so wenig gibt es mehrere Wissenschaften, betreffend die allgemeinen, wesentlichen Gesetzmäßigkeiten in Natur und Gesellschaft. Andererseits kennt jede Wissenschaft verschiedene Schulen, heftige Streite und eklatante Irrtümer, ruhige und sprunghafte Entwicklungen, Seiteneinsteiger, dumme und kluge Bekämpfungen und Abwehrkämpfe. Der Marxismus ist eine Wissenschaft wie jede andere.
Und der Marxismus ist eine Wissenschaft wie keine andere. Die erste Besonderheit besteht in seiner Grundlegung. Sie geschah mehr oder weniger durch einen einzigen Menschen, obwohl ihr Umfang gewaltig und vielgestaltig ist. Diese Grundlegung war eine Herkulesarbeit und ist einmalig in der Wissenschaftsgeschichte, weshalb diese Wissenschaft zu Recht den Namen eines Menschen trägt.
Eine zweite Besonderheit des Marxismus ist seine Lebensgefährlichkeit. Marxisten wurden und werden millionenfach in Gefängnisse geworfen und in Konzentrationslager, werden millionenfach gefoltert, für ihr ganzes Leben verkrüppelt und millionenfach um ihr Leben gebracht, von Kapitalisten und von Stalinisten. Der Marxismus selbst wird ununterbrochen und massenhaft auf die unterschiedlichste Weise entstellt, verfälscht, verleumdet, verschwiegen und verdammt; in ihm angedichtete und in wirkliche Krisen gestürzt.
Die dritte Besonderheit ist seine Aushöhlung von innen her. Das kann die revisionistische Aushöhlung sein oder die dogmatische, zum Beispiel die von Bernstein oder die von Stalin. Das kann aber auch die (dem Revisionismus «nachempfundene») Abwicklung sein, wie das seit einiger Zeit in der PDS geschieht. Da wird der Marxismus mehr und mehr auf eine beliebige Anschauung reduziert oder ganz verabschiedet.
Diese Besonderheiten trugen und tragen dazu bei, daß der Marxismus kaum dazu kam und kommt, sich wie eine normale Wissenschaft zu entwickeln.
II. MARXISMUS UND DARWINISMUS
Wie stand Marx zu Darwin? Darwin war eine Quelle, die Marx kannte, aber nicht nutzte. Marx hatte sein System bereits einigermaßen beisammen und zu Ende gedacht. Insofern kam Darwin zu spät. Wer reißt schon das, was er gerade frisch errichtet hat, wieder auf? Und fängt noch mal von vorne an? Also ordnete er Darwin neben sich ein, indem er ihn als den Mann lobte, der auf dem Gebiete der lebenden Natur das getan habe, was sie (Marx und Engels) auf dem Gebiet der Gesellschaft getan haben, nämlich die objektiven Entwicklungsgesetze aufgedeckt. Damit war die Welt in «Chicago-Manier» unter Marx und Darwin aufgeteilt. Womit Marx Darwin mehr würdigte als dieser ihn. Uberdies war die wissenschaftliche Leistung von Marx ungleich größer als die von Darwin, wovon dieser keinen Begriff hatte. Aber unabhängig davon ist die von Darwin aufgedeckte Gesetzmäßigkeit ungleich umfassender als die von Marx. Und sie ist allen von Marx aufgedeckten Gesetzmäßigkeiten übergeordnet, wovon dieser nun wieder keinen Begriff hatte. Ich rede von dem Gesetz der Anpassung. Alle von Darwin erkannten Gesetze haben ihren schließlichen Sinn und Zweck im Gesetz der Anpassung. Dieses Gesetz ist das grundlegende Entwicklungsgesetz allen Lebens, also auch des gesellschaftlichen, menschlichen. Es ist das einzige Gesetz, das gleichermaßen für die lebende Natur und für die Gesellschaft gilt. Das hat Darwin selber nie begriffen, und Marx auch nicht.
Es handelt sich hier nicht um die fälschliche Übertragung von Darwin in Form des Sozialdarwinismus und dergleichen, um biologistische Versimpelungen oder um das Verständnis der Anpassung als moralische oder politische Unanständigkeit.
III. DAS GESETZ DER ANPASSUNG IN SEINER SPEZIFISCHEN FORM
Das Gesetz der Anpassung kann nicht in der Form auf die Gesellschaft übertragen werden, in der Darwin es dargestellt hat. Es erhält, angewandt auf die Gesellschaft, zwei grundlegende Besonderheiten. Die erste Besonderheit besteht darin, daß der Mensch sich der Natur anpaßt, indem er die Natur sich anpaßt. Wenn das Tier im Winter eine Ortsveränderung in wärmere Zonen vornimmt oder sich einen Winterpelz wachsen laßt, zieht der Mensch einen Mantel über oder heizt die Wohnung ein. Das Tier verändert sich, der Mensch verändert seine Umwelt.
Die zweite Besonderheit besteht darin, daß der Mensch sich mittels seiner gesellschaftlichen Organisation der Natur anpaßt. Von den Produktionsinstrumenten und Produktionsverhältnissen, den Klassenstrukturen über die Wissenschaften bis zu Staat, Justiz, Moral usw. ist ihm die gesellschaftliche Organisation Organ der Anpassung.
Beide Besonderheiten der menschlichen Anpassung haben ihre Vorläufer im Tierreich.
Es gibt massenhaft Beispiele dafür, daß das Tier, dem Menschen vergleichbar, die Umwelt auf sich einrichtet, zum Beispiel im Nest oder Höhlenbau oder in der Vorratswirtschaft. Und auch die gesellschaftliche Organisation als Organ der Anpassung kennen wir in den vielfältigsten Vorformen, erinnert sei nur an die Arbeitsteilung der Termiten oder die Sozialverbände höherer Tiere, vermittels derer sie sich erfolgreich anpassen. All diese Vorformen der beiden menschlichen Besonderheiten können uns jedoch nur zum Verständnis dafür dienen, daß die menschliche Anpassung von grundsätzlich anderer Art ist. Beide Besonderheiten der menschlichen Anpassung verleihen ihr eine weit höhere Qualität als die tierische. Aber sie machen sie zugleich als Form der Anpassung schwer erkennbar. Sie täuschen darüber hinweg, daß der Mensch wie alle lebende Natur der Anpassung unterliegt. Das dialektisch Besondere erscheint als der Gegensatz des Allgemeinen. Oder anders gesagt: diese beiden Besonderheiten zu erkennen war Voraussetzung, um die Anpassung als das für Natur und Gesellschaft gleichermaßen gültige Gesetz zu entdecken.
IV. DIE ANPASSUNG IST UNSER EWIGES GESETZ
Die Anpassung der Natur an den Menschen ist immer Anpassung des Menschen an die Natur. Wir ziehen den Mantel im Winter an und nicht im Sommer. Wir tun, was immer wir auch tun, abhängig vom Klima, von den Jahreszeiten, von den Tageszeiten, von Tag und Nacht. Wir können nichts ausrichten ohne den Stoff der Natur (Holz, Kohle, Wasser, Wind, Sonne, Schwerkraft usw.) Kurz: Wir können, so sehr wir sie auch bis zur Unkenntlichkeit verwandeln, nur das Material der Natur verwandeln, und immer nur nach den Gesetzen der Natur.
Das Gesetz der Anpassung ist immer wirklich und immer wirksam. Aber seine Erkenntnis findet erst dann statt, wenn die Anpassung gefährdet wird. Und auch dann wird zunächst nicht das Gesetz, sondern die Gefahr reflektiert. Daher die Kopflosigkeit gegen-über der Gefahr, die Sinnlosigkeit und der Opportunismus der Maßnahmen, die Unfähigkeit und Schlafmützigkeit selbst der sozialistischen Parteien, die Unterschätzung der Gefahr, die peinliche Vemunftlosigkeit des Gedankens. Und die selbstmörderische Hilflosigkeit. Das Hauptproblem besteht allerdings darin, daß die Verursacher und Nutznießer der Umweltzerstörung die Erkenntnis der Schäden und ihre Schuld daran verdecken.
Das Gesetz der Anpassung gilt nicht erst am kritischen Punkt, wie das Fallgesetz nicht erst wirksam ist, wenn uns die Tasse aus der Hand fällt. Das Gesetz der Anpassung gilt für alle lebende Natur von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende, und es gilt für die Gesellschaft von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende. Es ist das einzige Gesetz, das für beide Wirklichkeiten gilt. Auch in Zeiten, wo wir in Einklang mit der Natur leben.
Mit dem so erkannten Gesetz der Anpassung verliert der Mensch seine unnatürliche, künstliche Apartheid. Die Einheit von Mensch und Natur muß nicht, wie zu Zeiten von Lessing und Goethe, vermittels des Pantheismus hergestellt werden oder wie früher vermittels der Mythologie oder wie heute vermittels der verschiedensten naiven, unwissenschaftlichen, spekulativen oder praktizistischen Ganzheitstheorien. Die Einheit von Mensch und Natur kann endlich per objektivem Gesetz, also gültig und befriedigend begriffen werden. Der Mensch wird wieder zu einem Kind der Natur.
V. DER FUCHS IN MARXENS HÜHNERSTALL
Das Gesetz der Anpassung benimmt sich im System des Marxismus wie der Fuchs im Hühnerstall. Anders gesagt: Die Hackordnung muß neu bestimmt werden. Genauer: Indem wir mit dem Gesetz der Anpassung ein Gesetz über allen haben, kann die Hackordnung, sprich Rangordnung, sprich Systemstruktur erstmals gültig hergestellt werden. Trotz ihrer hohen Eigengesetzlichkeit sind die spezifischen Gesetze der Gesellschaft Gesetze zweiter Ordnung. Sie (die Naturgesetze der Gesellschaft, wie Marx die von ihm entdeckten Gesetze nannte), sie sind Gesetze der gesellschaftlichen Organisation des Menschen. Also Gesetze des Organs der Anpassung. Und als das sind sie Funktionen des Gesetzes erster Ordnung. Mit anderen Worten: Die Naturgesetze der Gesellschaft werden zu Funktionen eines Gesetzes der Natur. Das hat tiefgreifende Konsequenzen. Nicht nur für die Funktionsstruktur der gesellschaftlichen Gesetze, sondern auch für die Funktionsdefinition von Gesellschaftsordnungen und ihrer Übergänge. Und für den Inhalt des Ubergangs von der Vorgeschichte der Menschheit zur eigentlichen Geschichte. Um einige Konsequenzen nur zu nennen. Nicht auszuführen. Und andererseits verleihen die spezifischen Gesetze, die uns im Marxismus gegeben sind, der Anpassung ihre historische Form. Und ihre historische Problematik. Sie sind die Entwicklungsgesetze des Organs der Anpassung. Das heißt aber auch, daß die Verletzung oder Mißachtung gesellschaftlicher Gesetze zur Mißachtung oder Verletzung eines Gesetzes der Natur wird. Während der «reale Sozialismus» daran scheiterte, daß er die zweite industrielle Revolution (die wissenschaftlich-technische Revolution) nicht realisierte, scheitert der Kapitalismus daran, daß er sie realisiert, indem er, wie der Zauberlehrling, Kräfte rief, die er nicht bannen kann. Die von ihm entwickelten gesellschaftlichen Produktivkräfte werden zu Destruktivkräften. Wie noch nie in der bisherigen menschlichen Geschichte verkehrt sich Kraft in Schwäche, Überfluß in Mangel, Reichtum in Armut, Heil in Fluch, Leben in Tod: Die eklatante Verletzung eines Gesetzes der Natur, des Gesetzes der Anpassung, der Einheit von Mensch und Natur als Folge der Verletzung des gesellschaftlichen Gesetzes der Harmonie von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen findet nur einmal statt, sie ist die einmalige, einzigartige Herausforderung des Menschen als Vernunftwesen. Es ist die Probe darauf, ob der Mensch eine Fehlleistung der Natur ist oder nicht.
Das Problem liegt in den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, und der problematische Punkt ist die Kapitalverwertung. Genauer: die zunehmende Unfähigkeit der Kapitalverwertung. Hans Kalt schreibt dazu: «Obwohl in den armen wie in den entwickelten Ländern allein die Lösung der Ernährungs- und Wohnungsfrage, die grundlegende Verbesserung der gesundheitlichen Verhältnisse und des Schulwesens sowie die Beendigung der ökologischen Krisenprozesse den Einsatz der Arbeitskraft von Hunderten Millionen Menschen durch viele Jahre hindurch erfordern würden, können diese brachliegenden Arbeitskräfte keine Beschäftigung und daher auch keinen Lebensunterhalt finden. Man kann sich schwer eine drastischere Demonstration vorstellen, wie wenig der Kapitalismus die Lebensprobleme der Menschheit heute noch lösen kann.»
Die Realisierung des Gesetzes der Anpassung als natürliche Freiheit setzt die Realisierung der sozialen Freiheit voraus. Mit anderen Worten: Das Gesetz der Anpassung bestimmt, welche Art von Gesellschaft nötig ist, um die Anpassung zu realisieren. Wir müssen unsere Vorstellung vom Ubergang der einen Gesellschaft in die andere grundlegend ändern. Die Gesellschaft muß als Organ der Anpassung eingerichtet werden, angefangen von der Art des Eigentums, seiner Produktionswejse über Produktionsstrukturen und ökonomische Wertsetzungen bis zum Verhältnis von Erster und Dritter Welt. Das Gesetz der Anpassung verlangt eine bestimmte Organisation der Gesellschaft, es verlangt die Gesellschaft als funktionsfähiges Organ der Anpassung. Und nur eine Gesellschaft, die diese Funktion erfüllt, kann sozialistische und schließlich kommunistische genannt werden. In diesem Sinne führt Darwin logisch genommen zum Kommunismus. Auch wenn Darwin wie Marx keine Vorstellung von dieser Logik hatten.
Eine immerwährende Aufgabe bleibt die Wahrung, die Bewahrung des Marxismus. Und das setzt die Wahrung und Bewahrung des Materialismus voraus.
Ohne Materialismus gibt es keine Erkenntnis und Anerkennung objektiver Gesetze. Ohne das sind wir dem politisahen Irrationalismus hilflos ausgeliefert. Deshalb ist uns der Materialist Darwin so wichtig.
VI. DIE ZWEITE TODSÜNDE DES SOZIALISMUS
Wir dürfen die kleinen Schritte nicht verachten, auch wenn sie noch so illusorisch oder hilflos oder idiotisch sind, denn sie bilden die moralischen Voraussetzungen und die Erfahrungen für die großen Schritte. Aber sie können die großen Schritte, die wirklichen Lösungen nicht ersetzen. Sie können nur ein notwendiges Element der Vorbereitung sein. Sie können nur ein Element des evolutionären Weges zur Revolution bilden. Wenn diese Dialektik nicht wirksam wird, sind die kleinen Schritte der sichere Weg in den Untergang. Diese Dialektik zur Strategie zu machen, ist die oberste Aufgabe einer sozialistischen Partei.
Wie wird diese Aufgabe von der PDS wahrgenommen? Die Grundsatzkommission der PDS legt uns ein Papier vor, genannt «Nachhaltige Entwicklung ...» Verfasser sind unter anderem Andre Brie und Dieter Klein, beide an Amtsstelle bekannt, und eine weniger bekannte Genossin Monika Börner. Was von diesen Genossen und ihrem Papier zu erwarten ist, belegt eine Äußerung der Genossin Börner in einem ND-Artikel. Sie schreibt da: «Geprüft werden muß wohl, welche Entwicklungsbedingungen schon heute für grundlegende Reformansätze bestehen ...» Und sie zählt auf: «Tarifverhandlungen», «parlamentarische Mehrheiten», «Gesetzgebung», «staatliche Rahmen-setzung» usf. Inwiefern «parlamentarische Mehrheiten» und dergleichen schon heute «Entwicklungsbedingungen» für «grundlegende» Reformen sind, bleibt allerdings verborgen. Offenbar hingegen ist die penetrante Lobhudelei an die Adresse des Kapitalismus, das Lob seiner (Originalton Börner) «demokratischen Errungenschaften». So sieht denn auch das ökologische Grundsatzpapier der PDS aus. Abgesehen von einem wissenschaftlich undefinierbaren und ungenießbaren Begriffssalat fehlen diesem Papier die beiden wichtigsten strategischen Feststellungen. Erstens: Wer ist der Verursacher und Nutznießer der katastrophalen ökologischen Entwicklung? Die Wirkungen bekämpfen zu wollen, die Ursachen aber im Nebel zu lassen, wäre schwachsinnig, wäre es nicht verdächtig. Ohne die Analyse der Ursachen, der Kausalitäten und Mechanismen ist alles Blindekuhspiel. Aber das ist ja das beliebteste Unterhaltungsspiel unserer Revisionisten. Nicht einmal das Wort Kapitalismus kommt als Verursacher vor. Zweitens: Wenn das (ebenfalls verschwiegene) Eigentum an den Produktionsmitteln Grund des Ubels ist, kann logischerweise nur das gesellschaftliche Eigentum Voraussetzung der Lösung sein. Bezeichnenderweise fehlen unseren Revisionisten auch hier die Worte. Bereits 1995 sagte die Genossin Dagmar Enkelmann: «Der PDS-Bundesvorstand hat nicht nur eine ökologische Entwicklung der PDS verschlafen, er agiert — abgehoben von der Basis — hilf- und ziellos.» Das Verschlafen ist eine Tradition der sozialistischen Parteien, es ist die zweite Todsünde des «realen Sozialismus». (Die erste Todsünde ist die Verabsolutierung der Macht, die Verwandlung der Macht des Sozialismus in die Macht über den Sozialismus.) Bleiben wir bei der zweiten Todsünde. Das Verschlafen (beispielsweise der 2. industriellen Revolution) hat uns schon einmal das Leben gekostet. Und es kann ein weiteres Mal das Leben kosten, diesmal der ganzen Menschheit. Was ich heute über das philosophische Gesetz der Ökologie vortrage, steht im Grundsätzlichen in einem Buch, das ich vor zwanzig Jahren geschrieben habe. Ende 1993 sagte der seit Jahrzehnten für die Umwelt engagierte Hans Pestalozzi auf dem ersten bundesweiten Jugendumweltkongreß: «Wir müssen uns endlich eingestehen, daß es im Kapitalismus keinen Ausweg gibt.» Diese Erkenntnis hat bei Pestalozzi immer mehr zugenommen. Unsere PDS-Oberen haben diese Erkenntnis zunehmend immer weniger.
VII. DIE EIGENTLICHE GESCHICHTE IST DER VOLLSTRECKER DES GESETZES DER ANPASSUNG
Das Gesetz der Anpassung wird zum Scharfrichter des Kapitalismus und des Sozialismus: Die Frage steht jetzt nicht mehr, wo es sich besser lebt, sondern wo es sich überlebt. Die Anpassung ist die Wasserscheide zwischen der Vorgeschichte der Menschheit und ihrer eigentlichen Geschichte. Sie ist das absolute Kriterium dafür, ob die Menschheit Opfer ihrer Verhältnisse wird oder ob sie frei über ihre Verhältnisse verfügt.
Die soziale Krise, wesentlich verursacht durch die zunehmende Misere der Kapitalverwertung, entwickelt sich in Wechselwirkung mit der ökologischen Krise. Wer denkt über diesen Zusammenhang nach? Aber dieser Zusammenhang ist doch der springende Punkt! Im Verhältnis von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen sind die Produktionsverhältnisse längst mehr als zu einer Fessel, zu einer Fehlleitung der Produktivkräfte geworden, und die extremste Form der Fehlleitung ist die Zerstörung der Natur. Damit verletzt aber ein gesellschaftliches Gesetz in seinem Irrlauf ein Naturgesetz, nämlich das übergeordnete Gesetz der Anpassung, das Gesetz der Einheit von Mensch und Natur. Eine prinzipielle Folge beschreibt Klaus Steinitz: «Unübersehbar ist die Tendenz, daß die jährlichen Umweltschäden die Jahreszuwächse des Bruttosozialprodukts übertreffen. Im Grunde ist der Wachstumseffekt schon negativ.» Die unauffhaltsam zunehmende Vernichtung unserer natürlichen Umwelt markiert den Eintritt des Kapitalismus in sein letztes Stadium, wo er mit der Untergrabung der Existenzgrundlage der Menschheit seine eigene Existenz untergräbt. Die Auswirkungen werden immer direkter: In den USA sterben jährlich 16 000 Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung. (Das sind die Folgen nur einer Ursache und nur in einem Lande.) Die letzte Krise des Kapitalismus wird immer komplexer und immer kompletter. Und sie trifft auch den Kapitalisten. Aber er wird als letzter getroffen. Ein Atombunker ist ein grausiges Gefängnis, ein Umweltbunker kann eine effektive Rettung sein; auch kann sich der Kapitalist eine Villa in einer weniger gefährdeten Gegend leisten; er kann sich sogar weniger gefährdete Zonen schaffen. Der Arbeiter hingegen und ihm Gleichgestellte werden unausweichlich zu den extrem Leidtragenden. Sie und ihre Familien werden unmittelbar körperlich Geschädigte und Geschändete. Unter dem Titel «Klimaalarm für den Süden Afrikas» berichtet das ND am 20.10.95: «Die WWF-Computerstudie belegt, daß die ohnehin anne Bevölkerung ländlicher Gebiete zu den ersten Opfern gehören wird.» Afrika ist für die wertschöpfende Kapitalverwertung ohnehin weitgehend abgeschrieben. Einem fortschreitenden Treibhauseffekt ist es hilflos ausgeliefert. In Verbindung mit der sich zuspitzenden sozialen Krise werden die ökologischen Pressionen die Arbeiterklasse auf eine ganz neue und endgültige Weise zum historischen Subjekt, zur geschichtsbildenden Kraft machen. (In Verbindung mit ihr verwandten Klassen und Schichten.) Die Arbeiterklasse ist nur unter revolutionären Bedingungen revolutionär. Die Zuspitzung der letzten Krise des Kapitalismus schafft diese Bedingungen. Die Verknüpfung der ökologischen Krise mit der sozialen Krise des späten Kapitalismus macht die existentielle Gefährdung der Menschheit absolut unberechenbar. Während verseuchte Tiere in einem weitgezogenen Umkreis sofort massenweise getötet, der «vorbeugenden Schlachtung» zugeführt werden, auch wenn sie nur den Verdacht einer Gefährdung des Menschen darstellen, wird der Kapitalismus am Leben gelassen, obwohl er im dringenden Verdacht steht, die gesamte Menschheit zu vernichten. Wo bleibt da die Vernunft? Wo bleibt da die Logik?
Das zwanzigste Jahrhundert wird einmal befunden werden als das sittlich verkommenste, weil das politisch verkommenste. Es sei denn, wir erleben das einundzwanzigste Jahrhundert als lineare Fortsetzung. Dann wird dieses das noch verkommenere werden. Die politischen Parteien sind ausnahmslos Ursache und Resultat dieser Verkommenheit. Daher kann keine einzige Partei auf absehbare Zeit die Lösung verbürgen. Nicht eine einzige und auch nicht alle miteinander.
Im skrupellosen Konkurrenzkampf ist dem Kapitalisten sein Uberleben wichtiger als das Überleben der Menschheit. Das Hemd ist ihm näher als der Rock, das Heute ist im wichtiger als das Morgen. Die Konkurrenz, heißt es, belebt das Geschäft, und die Endzeitkonkurrenz belebt das Sarggeschäft. Die Hoffnung, daß im Kapitalismus ihm eigene Kräfte der Rettung liegen, ist absolut trügerisch, wenn nicht hirnrissig. Die Frage ist nicht, ob der Sozialismus kommt, sondern ob er rechtzeitig und unter welchen Bedingungen er kommt. Der Weg zum Sozialismus wird von dem zum Verbrechen gewordenen Kapitalismus bestimmt, d. h. der Kapitalismus überläßt dem Sozialismus seine Konkursmasse. Und niemand kann heute sagen, wie dieser Rest aussehen wird. Was hilft uns die von unseren Revisionisten beschworene Reformfähigkeit des Kapitalismus, nachdem er Abermillionen Menschen in den Kriegen und den Konzentrationslagern und in der Dritten Welt umgebracht hat? Wollen wir abwarten, welche Reformfähigkeit er nach dem Menschheitsuntergang hat?
Da der Kapitalismus unfähig ist, dem Gesetz der Anpassung zu genügen, kann nur der wirkliche Sozialismus die Alternative sein. Ein anderer Schluß bleibt nicht übrig. Eine Menschheit, die überleben will, muß zu diesem Schlusse kommen. Wenn nicht anders, wird sie dahin geprügelt werden. Die Reduzierung der natürlichen Lebensbedingungen ist ein Prozeß, in dessen Verlauf die Menschheit immer schmerzlichere und schließlich unerträgliche körperliche und seelische Schäden erleiden wird. Der Absturz auf das Niveau des Höhlenmenschen ist da noch die freundlichste Aussicht. Die Prügel, die uns die geschändete Natur verabfolgen wird, werden schon den nötigen Willen befördern, die richtige Alternative zu erfassen, da kann kein Zweifel sein. So unangenehm die Prügel auch sein werden, so sehr sind sie unsere sichere Hoffnung. Als Funktion eines Gesetzes der Natur nimmt der Sozialismus eine wesentlich andere Gestalt an als bisher. Seine Funktion, Organ der Anpassung zu sein, den Einklang von Mensch und Natur wieder herzustellen, bestimmt ihn, statt Selbstzweck zu sein, zum dienenden Mittel. Er wird Lebensrettungsgesellschaft.
VIII. LIEBER EIN SCHRECKEN OHNE ENDE
Im philosophischen Gesetz der Ökologie finden wir das Kriterium des Übergangs von der Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte der Menschheit. Alle bisherigen Kriterien, beispielsweise die Aufhebung der Klassen, sind jetzt nur noch Mittel zum Zweck. Die eigentliche Geschichte beginnt, wo das Gesetz der Anpassung ein und für allemal als Gesetz erster Ordnung erkannt und verwirklicht wird. Mit anderen Worten: Der Übergang von der Vorgeschichte zur eigentlichen Geschichte besteht darin, die Gesellschaft als Organ der Anpassung einzurichten.
Das römische Reich brauchte 300 Jahre, um unterzugehen. Wieviel Jahre braucht der Kapitalismus, braucht die Klassengesellschaft (die doch mehr als nur ein Reich ist), um unterzugehen? Und wieviel Jahre braucht die eigentliche Geschichte, die doch weit mehr ist als alles bisher über sie Gedachte, um aufgebaut zu werden? Wie oft muß sie scheitern und durch Erfahrung klug werden, um endlich auf den richtigen Weg zu kommen? Jedenfalls müssen wir lernen, in anderen Größenordnungen und in anderen Zeiträumen zu denken und zu handeln. Ein Ende mit Schrecken oder ein Schrecken ohne Ende, diese Frage ist nicht entschieden. Und es wäre unser Überlebensglück, wenn wir die im Normalfall schlechtere Variante erlebten: einen Schrecken ohne Ende. Da hätten wir doch die Zeit, um klug zu werden, bevor es zu spät ist.
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