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Marxismen oder Marxismus?
Im Juni 2006 fand in Berlin eine von der Marx-Engels-Stiftung Wuppertal organisierte Konferenz über das Thema »Konturen eines zukunftsfähigen Marxismus« statt. Alle dort von profilierten Marxisten vorgetragenen Überlegungen berührten nicht zufällig auch die Frage: Können wir noch von einem in sich schlüssigen, von den Marxisten vertretenen und ständig weiter zu entwickelnden Theoriegebäude des Marxismus ausgehen, gibt es also so etwas wie ´Den Marxismus´ als eine systematische wissenschaftliche Weltanschauung? Oder ist es eher so, wie Georg Fülberth an anderer Stelle lapidar formulierte, dass der Marxismus „im Singular [Einzahl] nicht zu haben ist“. Oder Heinz Jung: „Die Realität des Marxismus wird damit, wenn man den Monopolanspruch einer Richtung ablehnt, pluralistisch.“
Im folgenden habe ich zu diesem Thema Auszüge aus einigen der in Berlin vorgetragenen Positionen zusammengestellt (sowie ein link auf den jeweiligen Gesamttext). Vorangestellt ist ein Textauszug des vor 10 Jahren verstorbenen ehemaligen Leiters des IMSF (Institut für Marxistische Studien und Forschung) in Frankfurt, Heinz Jung, der in dieser Frage schon Anfang der 90er Jahre dezidiert Position bezog.
Ich schätze besonders den Beitrag von Thomas Metscher, weil dort die ´Systemgestalt´ und ´Systemgewalt´ des Marxismus, auf die Hans Heinz Holz in der Theorie zu sprechen kommt, recht unmittelbar zum Ausdruck kommt, sodass sich die Vorstellung von ´Marxismen´ sozusagen von selbst erledigt – besser gesagt gar nicht recht aufzukommen vermag. Die gedankliche Fülle des Beitrags von Metscher läßt sich in einem kurzen Textauszug allerdings kaum einfangen.
Ebenso ergiebig wie das von Hans Heinz Holz in seinem Beitrag gewählte Bild des Wanderers, der auf seinem Weg eine Stadt umrundet und des Türmers im Zentrum der Stadt - mit ihren jeweils unterschiedlichen Perspektiven von derselben Sache - scheint mir übrigens eine Blick auf ein ganz anderes Gebiet menschlicher Tätigkeit, das ebenso alt ist wie die Philosophie, auf die Medizin. Medizin und Marxismus haben – denke ich – manche bedenkenswerten Parallelen: so die unlösbare Verkettung von Theorie und Praxis; die Verwurzelung im Humanismus; die Arbeit an der Nahtstelle zwischen Natur und Kultur, zwischen Physik und Psyche; den Reichtum einer Vielfalt von historisch, geographisch, kulturell, religiös und anderweitig begründeten Denkweisen und Schulen - neuerdings eine vorsichtige und eher mißtrauische Zuwendung zu fernöstlichen Weisheiten; Quacksalber neben großen Meistern und begnadete Praktiker mit goldenen Händen ohne klassische Ausbildung; und schreckliche Fehler und Verbrechen in ihrer Geschichte; Borniertheit und Dogmatismus neben Genialität und unbändigem Forscherdrang; Halbgötter in Weiß neben aufopferungsvoll dienenden Seelen. Das alles – und mehr – ist Medizin und vieles davon ist Marxismus und beide sind ein weites Feld mit offenem Horizont. Wird man aber von Medizinen sprechen? Wieso von Marxismen?
Textauszüge von
Textauszug Jung
„In der Vergangenheit hat sich die kommunistische Bewegung als die politische Form des Marxismus angesehen. Diese Auffassung war zu eng. Aber natürlich bezieht sich die Frage nach der Zukunft der marxistischen Bewegung als einer geistigen und politischen Strömung auch auf die im engeren Sinne kommunistische Bewegung. Der Blick auf die gegenwärtigen Veränderungen, besonders die Demontage des bisherigen Sozialismus, lässt auch neue Möglichkeiten erkennen, auf deren Grundlage die bisherigen Spaltungen aufgehoben werden können. Marxistische Bewegung müsste gefasst werden als Anhängerschaft der Marxschen Theorie in ihrem Bemühen zur Aneignung, Anwendung und Weiterentwicklung dieser Theorie als einem lebendigen kommunikativen Prozess, der auf die Erweiterung der Anhängerschaft und die Veränderung der Realität im Sinne der Ziele des Marxismus gerichtet ist.
Die Differenzierung der Interpretations- und Anwendungstendenzen wurde mit dem ersten Weltkrieg und dann der Oktoberrevolution zum Schisma [Kirchenspaltung] und betraf politisch die Spaltung der bis dahin unter einem Dach lebenden Sozialdemokratie. Sie war damals im Selbstverständnis noch marxistisch oder Marxbezogen. Sie hatte noch nicht die heutige breite weltanschauliche Struktur, in deren Rahmen es ja nur mehr oder weniger kleine marxistische Sektoren gibt. In der Folgezeit kommt es dann in der kommunistischen Bewegung zu mehr oder weniger ausgeprägten Schismen (Trotzkismus, Maoismus usw.) und zur Ausprägung unterschiedlicher Schulen und Denkrichtungen, die stark durch nationale Traditionen, geschichtliche Erfahrungen, ideologisches Umfeld etc. bestimmt sind (Leninismus, Luxemburgismus, Gramscianertum, „westlicher“ Marxismus usw.). Die Realität des Marxismus wird damit, wenn man den Monopolanspruch einer Richtung ablehnt, pluralistisch. Und wer am Monopolanspruch und Interpretationsmonopol festhält, straft sich mit einer verengten Realitätswahrnehmung. …
Entwickelt man dieses breite Verständnis des Marxismus, dann kann seine Bewegung nicht in zentralen Strukturen, wie eine Partei, existieren. Darüber hinaus wird nun natürlich auch zu einer Hauptfrage angesichts des Bankrotts des alten Staatssozialismus, ob eine marxistische Partei der Zukunft noch nach dem alten marxistisch-leninistischen Typ – oder was in der Realität daraus geworden ist, gedacht werden kann. Mit diesem Typ vollzog und vollzieht sich die Verallgemeinerungsfunktion und die Verbindung mit dem Marxismus nach zentralistischem und befehlsadministrativem Muster. Der Anspruch auf die Avantgarderolle und das Auslegungs- und Wahrheitsmonopol konzentriert sich real bei der Führungsspitze, die es mehr und mehr bürokratisch zu realisieren sucht. Die Struktur und Praxis dieses Parteityps ist der Kern des nun so missratenen Sozialismus. „
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aus: Die marxistische Linke: Zusammenbruch und Neuanfang Reflexionen zum Jahr 1989/90 und zur marxistischen Bewegung der Zukunft Heinz Jung in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 67 September 2006, S. 7 - 20
Der Gesamttext: HIER
Textauszug Tjaden
„Ich bin sehr skeptisch in bezug auf die Möglichkeit eines »zukunftsfähigen Marxismus«. Zunächst: Es ist offenkundig, daß es sehr verschiedenartige Auffassungen davon, was Marxismus ist, gibt, so daß ein Marxismus offenbar gar nicht existiert– daher wohl auch kein zukunftsfähiger. Weiter: Man mag ja einwenden, daß man sich irgendwie darüber einigen können sollte, was Marxismus sein und wie er gemacht werden soll, damit er in Zukunft etwas taugt. Das dürfte aber schwierig und jedenfalls dann unlösbar sein, wenn wir unter »Marxismus« ein einheitliches Gefüge wissenschaftlicher Aussagen über jenen Gegenstand verstehen, den man nicht zu Unrecht als Einheit von Natur, Gesellschaft und Denken auffassen möchte. Eine solche universalistische Theorie dieser Wirklichkeit – also des »Erde« genannten Weltallstäubchens mit seinen Milliarden und aber Milliarden lebenden und toten menschlichen Bewohnern und seiner übrigen Naturausstattung – wäre aber dem Erkennen eben dieser Wirklichkeit nicht förderlich und daher gewiß nicht »zukunftsfähig«. Wenn nämlich, um ein Beispiel zu bringen, das körperlich-geistige Befinden eines Menschen abhängig ist sowohl von globalen klimatischen Verhältnissen (die ihrerseits durch kosmische Schwankungen bedingt sind) als auch von individuellen enzymatischen Ausprägungen (die ihrerseits durch seine genetische Ausstattung geprägt wurden); und wenn dieses Befinden darüber hinaus etwa noch von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten einer Kapitalakkumulation (die ihrerseits nicht in der Luft hängt) bestimmt wird, dann sollten wir uns dem Tun und Lassen dieses Menschen mit unterschiedlichen speziellen Theorien nähern, und das gilt auch für die übrige Wirklichkeit. Ferner: Es gibt gewiß eine materialistische (und zugleich historische, am besten auch geographische) Art der Betrachtung unserer Lebenswirklichkeit und ihrer Evolution. Meinethalben kann man auch versuchen, einen darüber hinausgehenden Gesamtzusammenhang der »Welt« auf irgendeine Weise zu denken, wobei man das hieraus entspringende Gedankengebilde – wenn man unbedingt eine Weltanschauung braucht – als »marxistische Weltanschauung« bezeichnen mag. Eine andere Sache aber ist es, wenn man einem solchen Gedankengebilde eine orientierende Funktion zuschreibt, die für das Erkennen der wahrnehmbaren Wirklichkeit unabdingbar sei – die wissenschaftliche Erfahrung spricht dafür, daß Fehlurteile dadurch vorprogrammiert werden. Ich halte es in diesem Fall mit Friedrich Engels, der ja geschrieben hat, daß »der moderne Materialismus« »keine über den andern Wissenschaften stehende Philosophie mehr [braucht]« und daß für Wissenschaften, die sich über »ihre Stellung im Gesammtzusammenhang der Dinge und der Kenntniß« von diesen »klar« werden sollen, »jede besondre Wissenschaft vom Gesammtzusammenhang überflüssig« ist (MEGA² I/27, S. 235) – also fürs Erkennen unserer Wirklichkeit unnütz, was auch dann gilt, wenn man, wie Hans Heinz Holz in seinem »Versuch einer Grundlegung der Dialektik«, statt dessen Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs sagt. Mit diesen Worten kann ich meinen Beitrag beenden. Ich möchte nur noch eine etwas längere, allerdings hier nur stichwortartige Nachbemerkung zur Bedeutung verschiedener Konzeptionen und Theorien von Marx, Engels und ihren Nachfolger/inne/n machen. . . . „
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aus: Engels und Marx ernst nehmen (Referat auf der Konferenz über »zukunftsfähigen Marxismus« am 24./25. Juni 2006 in Berlin) Karl Hermann Tjaden Prof. Dr. Karl Hermann Tjaden lehrte Politische Ökonomie und Wirtschaftssoziologe an der Gesamthochschule Kassel
Der Gesamttext: HIER
Quelle: marxismus, Beilage der jW vom 26.08.2006 »Zukunftsfähiger Marxismus«? http://www.jungewelt.de/beilage/art/1188
Textauszug Haug
„Das Marxsche axiomatische Feld, flankiert von den drei endlich in ihrem Zusammenhang begriffenen Kritiken, lädt ein zum Neubeginn. Es ist offen für Unterschiede. Die Einheit hat sich in die Feldstruktur verlagert, die keinen Platz mehr hat für eine Hauptverwaltung ewiger Wahrheiten. Sie ist der Boden, auf dem sich ein zukunftsfähiger Marxismus bilden kann. Damit er auf die Beine kommt, braucht er die Widerspruchskunst einer Dialektik, die sowohl aus dem Hegelschen System als auch aus dem Rückfall in Metaphysik ins Offene der Geschichte gekommen ist. Wir brauchen sie, im Privatleben wie in der Politik, praktisch wie theoretisch, da in der Welt des transnationalen Hightech-Kapitalismus mehr denn je »jedes Ding mit seinem Gegenteil schwanger« (MEW 12, S. 3) geht.“
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aus: Das axiomatische Feld Ein Neubeginn marxistischer Philosophi (Referat auf der Konferenz über »zukunftsfähigen Marxismus« am 24./25. Juni 2006 in Berlin) Wolfgang Fritz Haug Prof. Dr. Wolfgang Fritz Haug ist Herausgeber des »Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus« und der Theoriezeitschrift Das Argument
Der Gesamttext: HIER
Quelle: marxismus, Beilage der jW vom 26.08.2006 http://www.jungewelt.de/beilage/art/1184
Textauszug Holz
Marxismus oder Marxismen? . . . Wenn Erkenntnis nicht beliebige Meinung, sondern wahre Darstellung von Wirklichkeit im Denken sein soll, dann ist eine pluralistische Relativierung des Wahrheitsanspruchs von Theorien schlechterdings wissenschaftsphilosophischer Unsinn. Theorien können wahr oder falsch sein, sie können mehr oder weniger große Ausschnitte oder Aspekte der Wirklichkeit abbilden, aber keinesfalls können sie beliebig und willkürlich austauschbar sein. Es gibt Kriterien, gemäß denen sie sich zu bewähren haben. Um nur die wichtigsten zu nennen:
Sie müssen mit der Erfahrung übereinstimmen (empirische Bestätigung); sie müssen mit anderen bewährten oder bestätigten Theorien in Einklang stehen (propositionale Kohärenz); handlungsorientierend müssen sie zu den gewünschten oder erwarteten Resultaten führen (Kriterium der Praxis); wo sie über den Erfahrungsbereich hinausgehen – also in Weltanschauungsentwürfen – müssen sie einen geordneten Sinn für Selbstverständnis und Verhalten ergeben.
Gesamtzusammenhang Diese Kriterien der empirischen Bestätigung, der propositionalen Kohärenz, der Praxisbewährung laufen zusammen in der logischen Feststellung, die Georg Wilhelm Friedrich Hegel der »Phänomenologie des Geistes« vorausschickt: »Die wahre Gestalt, in welcher die Wahrheit existiert, kann allein das wissenschaftliche System derselben sein«. Wenn Wolfgang Fritz Haug von einem »axiomatischen Feld« des Marxismus spricht, so liegt im Bilde des »Feldes«, wenn es exakt gebraucht wird, das Prinzip des Zusammenhangs der in diesem Feld vorkommenden einzelnen Elemente; Friedrich Engels spricht von der Dialektik als der »Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs« (MEW 20, S.307). Übersetze ich das in die Sprache Haugs, so bedeutet das, daß die Dialektik die Beziehungen der Gegenstände und Prozesse kenntlich macht, die ein »Feld« bilden; und da diese Beziehungen nicht nur ein gleichzeitiges Nebeneinander, sondern auch ein Nacheinander einschließen, müssen sie als »Bewegungsformen« begriffen werden.
Ein Gesamtzusammenhang, der sich in den Bewegungsformen seiner Bestandteile herstellt und darstellt, hat die Gestalt des Systems. Da die Welt größer ist und mehr enthält, als wir je von ihr wissen können, darf ein System nicht als ein endliches, geschlossenes von sich behaupten, eine Abbildung des Ganzen zu sein, sondern muß sich offenhalten für Erweiterungen, für den Eintritt des Neuen.
Ein »offenes System« zeichnet sich dadurch aus, daß die Bewegungsformen, aus denen seine Systemgestalt hervorgeht, auch den Übergang zu Neuem, die Verwirklichung von darin angelegten Möglichkeiten, die Entstehung weiterer Möglichkeiten in Gang setzen. Darum ist der Marxismus als Dialektik nicht nur eine Wissenschaft von der Geschichte und Geschichtlichkeit des Menschen, sondern von der Natur als Geschichte. Auch das steht in formeller Allgemeinheit schon bei Hegel: »Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.« Karl Marx hat diese Abstraktion in der »Politischen Ökonomie« dadurch konkretisiert, daß er die logische Abfolge der materiellen Entwicklungsstufen, auf denen sich die Reproduktion des Lebens durch Produktion vollzieht, aufgezeigt hat; und Engels hat in der »Dialektik der Natur« das Programm entworfen, in gleicher Weise die Logik in der Evolution der materiellen Natur herauszuarbeiten (Kant nannte das die »Spezifikation der Natur«). Der Marxismus ist als theoretische Repräsentation dieser Logik der Entwicklung in Natur- und Menschheitsgeschichte eine systematische wissenschaftliche Weltanschauung.
Im Hinblick auf diese Grundlegung kann es keinen Pluralismus von Marxismen geben. Was davon abweicht, ist eben ein anderes »Paradigma«, aber kein marxistisches.
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aus: Orientierung in der Vielheit der Erscheinungen Die Einheit des Marxismus auf dem Prüfstand (Referat auf der Konferenz über »zukunftsfähigen Marxismus« am 24./25. Juni 2006 in Berlin) Hans Heinz Holz Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Heinz Holz promovierte bei Ernst Bloch und lehrte in Marburg und Groningen (Niederlande) Philosophie
Der Gesamttext: HIER
Quelle: marxismus, Beilage der jW vom 26.08.2006 http://www.jungewelt.de/beilage/art/1183
Textauszug Metscher
I. Die hier vertretene Grundthese, auf die einfachste Formel gebracht, lautet: Der Marxismus ist zukunftsfähig, aber er ist es nur unter bestimmten Bedingungen. Er ist es nicht in jeder seiner historisch vorliegenden wie auch gegenwärtig konkurrierenden Gestalten. So ist er zukunftsunfähig oder nur sehr eingeschränkt zukunftsfähig, in den zwei Formen, die in einem bestimmten Sinn die äußersten Extreme (und damit auch Gegensätze) seiner theoretischen Möglichkeiten bilden: in der Form des fertigen Systems, das mit dem Anspruch einer geschlossenen Totalität der Erkenntnis auftritt, und in der Form einer auf bestimmte kategoriale Dimensionen beschränkten Theorie von Teilbereichen. Die Gefahr des einen Extrems ist der Dogmatismus und die diesem folgende theoretische Sterilität; die Gefahr des anderen ist ein Reduktionismus, der zentrale theoretische Bereiche dem marxistischen Zugriff entzieht, nicht zuletzt auch ein Kritizismus, der jedes positive Wissen als affirmativ oder ideologisch denunziert und die Eroberung von theoretischem Neuland nicht minder erschwert wie der sturste Dogmatismus. Aus beiden Richtungen ergeben sich Einschränkungen, die ein zukünftiger Marxismus vermeiden muß.
II. Zukunftsfähig ist der Marxismus allein als umfassende weltanschauliche Form, die auf ein perspektivisches Ganzes der Erkenntnis und des Wissens geht: eine historische Welt, in Gedanken gefaßt. Das meint den Marxismus als philosophisch begründete Weltanschauung mit dem Anspruch auf Erkenntnis historischer Totalität. »Philosophisch begründet« heißt, daß diese Weltanschauung ihre Voraussetzungen reflektiert, daß sie methodisch verfährt und daß ihre Argumente »aus Gründen« erfolgen. Den Anspruch auf ein Denken des Ganzen, eines »Gesamtzusammenhangs« (Engels), darf der Marxismus nicht aufgeben, wenn er sich nicht als philosophische Theorie aufgeben will. Doch ist dieses Ganze nicht als metaphysische Substantialität objektiv-gegenständlich, sondern radikal historisch als Prozeß-Kontinuum zu denken: als Totalität einer besonderen historischen Welt, die auch immer nur in historischer Perspektive erfaßt werden kann. Allein in der Annäherung ist das Ganze des historischen Prozesses, als Abfolge historischer Welten, wie des Naturprozesses, in dem menschliche Geschichte ihren Grund hat, zugänglich; zugänglich in perspektivischer Brechung, nach Maßgabe des historisch Möglichen.
III. Erkenntnistheoretisch bedeutet die Historizität der Erkenntnisperspektive die Anerkennung des Prinzips der Relativität menschlicher Erkenntnis. Diesem Prinzip zufolge »sind die Grenzen der Annäherung unserer Kenntnisse an die objektive, absolute Wahrheit geschichtlich bedingt« (Lenin, Werke 14, 130). Die absolute Wahrheit (d.h. die vollständige und adäquate Widerspiegelung der Realität im menschlichen Bewußtsein, im einzelnen wie im Zusammenhang) existiert allein als Ideal (›regulative Idee‹) menschlicher Erkenntnis. Jede Wahrheit ist geschichtlich und deshalb relativ, d.h. erkenntnistheoretisch: perspektivisch bezogen auf den Standort, von dem aus ihre Formulierung erfolgt. Zwar gibt es einen Prozeß fortschreitender Erkenntnis, der Zunahme menschlichen Wissens, doch ist dieser unendlich und unabschließbar, weil gebunden an den historischen Prozeß. Jede gegebene Erkenntnis ist endlich, da sie in diesem Prozeß steht und auch nur einen Teil des Gesamtprozesses zu reflektieren vermag. Ja, sie ist bedroht durch einen stets möglichen Erkenntnisverlust.
IV. Aus dem erkenntnistheoretischen Relativitätsprinzip sind Folgerungen zu ziehen. Die permanente kritische Reflexion ist zum methodologischen Grundprinzip marxistischen Denkens zu machen. Dazu gehören Prüfung des Erreichten, Revision (im Sinne des Neubetrachtens, Wiederansehens), Fortentwicklung auf der Basis des Geprüften. Es sind dies unverzichtbare Bedingungen, die an einen zukunftsfähigen Marxismus zu stellen sind. Unverzichtbar, nicht zuletzt auch aufgrund der Erfahrungen seiner eigenen Geschichte, ist die immer wieder zu erneuernde rigorose Selbstbefragung, die Überprüfung seiner Voraussetzungen und seiner Ergebnisse. Sein methodologisches Prinzip der Erkenntnisgewinnung soll lauten: »Wissen, gewonnen aus Zweifel« (Brecht).
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aus: Modell für die Zukunft: Integrativer Marxismus Thesen zu seiner theoretischen Exposition (Referat auf der Konferenz über »zukunftsfähigen Marxismus« am 24./25. Juni 2006 in Berlin) Thomas Metscher Prof. Dr. Thomas Metscher lehrte zehn Jahre an der Universität Belfast und von 1971 bis 1998 am Fachbereich Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität Bremen
Der Gesamttext: HIER
Quelle: marxismus, Beilage der jW vom 26.08.2006 http://www.jungewelt.de/beilage/art/1185
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Rolf Jüngermann
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