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Zum Streit um die postmoderne Philosophie
Robert Steigerwald
(eine Erwiderung zu: Schweicher, R., St. Werners wackere Attacke gegen Rädelsführer "der 'Postmoderne'" und andere herrschaftsideologische Bösewichter, in: Z 32, Dezember 1997, S. 183ff.)
Reinhard Schweicher empfehle uns einen dialektischeren Umgang mit der postmodernen Philosophie, heißt es im Editorial von Nr. 32 der Z (S. 7). Damit ist wohl das berühmte Hegelsche Aufheben gemeint. Was könnte aus der postmodernen Philosophie in einen erneuerten Marxismus aufzuheben sein? Es geht um die theoretische Substanz, um die innere Logik und um die Frage, wie man sich zu dieser verhalten könne. Sicher gibt es in nichtmarxistischen, sogar in antimarxistischen Konzeptionen manches auch für Marxisten Bedenkenswerte, aber gilt das auch hinsichtlich der theoretischen Substanz etwa Nietzsches oder der Postmoderne?
Moderne meint - wie früher das ebenso farblose Wort Neuzeit - die bürgerliche Gesellschaftsformation. Ihre beiden Perioden, die auf- und die absteigende, werden in der Postmoderne-Konzeption entgegengesetzt bewertet. Zur Aufklärungszeit heißt es: Deren Ganzheitsversprechungen haben in blutige Sackgassen geführt (Lyotard, L-F., 1987, S. 256). Folglich muß die Losung lauten: "Krieg dem Ganzen, zeugen wir für das Nicht-Darstellbare, aktivieren wir die Differenzen, retten wir die Differenzen ..." (in: Engelmann, 1990, S. 48). Wie arbeitet Lyotard an der Rettung der Differenzen? Er arrangierte eine Ausstellung, "Die Immateriellen“. Sie war ein "Riesenfestival" moderner Medien, dem die massenhaft zusammenströmenden Besucher orientierungslos ausgesetzt waren, so daß sie im ureigensten Sinne des Wortes nicht etwa auf ihre wahre Individualität, auf ihre "Differenz" hingeführt, sondern manipuliert wurden.
Was heißt also "Krieg dem Ganzen"? Ist etwa das "Ganze" des Kapitalismus gemeint? Nein, es geht um die auf dem Boden der aufklärerischen Bourgeoisie entstandenen Theorien der Emanzipation. Alle Überwindungen erzeugten nur erneut gleiche Übel, heißt es bei Lyotard. Deshalb sei auf die Ganzheitsversprechungen mit der Differenzierung, Pluralisierung, Destruktion zu antworten. Wäre damit aber die Beliebigkeit gemeint, so würden nicht nur die großen Emanzipationserzählungen hinfällig, sondern auch die apologetischen! Also muß die Zerbröselung des einen Ganzen - des emanzipatorischen - ergänzt werden durch die Erzeugung eines anderen Ganzen: Es gibt nach Lyotard ein Allgemeines: den Antagonismus, und damit meint er vor allem den ewigen Antagonismus von Kapital und Arbeit (Lyotard, L-F., 1987, S. 27f.). Die Geschichte kommt mit dem Kapitalismus zu Ende!
Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsformation, ein Ganzes. Aber dieses Ganze ist durch tiefe Widersprüche gekennzeichnet. Dennoch entstanden in seiner progressiven Vor- und Frühgeschichte, gegen den Feudalismus und seine Ideologie gerichtet, die großartigen humanistischen Ideen, die Verheißungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, Ideen, die dann von der kapitalistischen Realität immer wieder blamiert wurden. Hinzu kommen Prozesse und Erscheinungen, die mit den Umbrüchen der wissenschaftlich-technischen Revolution, dem Scheitern des realen Sozialismus usw. aufgetreten sind. Insofern widerspiegelt die Postmoderne reale Probleme und macht auf deren gründliche marxistische Analyse aufmerksam. Nur stellt die Widerspiegelung realer Probleme noch nicht das Aufdecken ihrer wirklichen Ursachen dar. Ich halte eher dafür, daß Seppmann Recht hat, wenn er meint, die postmodernen Denkvoraussetzungen verhinderten einen systematischen Blick auf jene gesellschaftlichen Zusammenhänge, denen der wirkliche "Krieg“ zu gelten hätte.
Die tiefen Widersprüche der bürgerlichen Fortschrittskonzeptionen dienen der Postmoderne für ihre Kritik. Gegen wen jedoch richtet sich diese? Eben nicht gegen den Kapitalismus, sondern gegen den Geist der ersten Phase der Moderne, jenen Geist der bürgerlichen Gesellschaftsordnung in ihrer aufsteigenden Periode, gegen den Geist der Aufklärung.
Nietzsche: "Hat man eigentlich die berühmte Geschichte verstanden, die am Anfang der Bibel steht, - von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft?" (Nietzsche, F., Werke, Bd. 77, S. 253). Lyotard schloß sich Nietzsehe an: Die letzte Widerstandslinie gegen die verurteilten Aspekte der Moderne sei Unwissenheit (Lyotard, L-F., 1987, S. 16).
Deute ich etwa verkehrt, verfälschend? Geht es mir etwa darum, der Postmodernen Philosophie, koste es, was es wolle, eins am Zeug zu flicken? Bitte, der wohl bedeutendste deutsche Verfechter der postmodernen Franzosen, Engelmann, betont den "politisch-ideologischen Kontext des Postmoderne-Begriffs" ausdrücklich (Engelmann, P., 1990, S. 7). Er geht ohne Umschweife das Kernproblem an: die auf Emanzipation gerichteten, aus der Aufklärung stammenden Ideen und Bestrebungen im allgemeinen, den Marxismus im besonderen. Diese "großen Erzählungen" seien unglaubwürdig geworden (ebenda, S. 11). Insbesondere der Marxismus sei unbrauchbar (ebenda, S. 10). Er wendet sich gegen "die dogmatische Linke" (ebenda, S. 11), gegen die "Kritische Theorie, als Marxismus oder Neomarxismus oder wie auch immer" (ebenda, S. 12). Hegels Ideen hätten sich als Basisideologie totalitärer Herrschaft erwiesen (ebenda, S. 15). In Lyotards Worten: Hegels Dialektik konnte "nur im Schrecken enden" (in: Engelmann, P., S. 70). Die mit Kant anhebende Aufklärung hat nach Lyotard gar zu Auschwitz geführt (das genaue Zitat bringe ich weiter unten). Er fordert deshalb zum "Mißtrauen gegen die großen Erzählungen" auf (Lyotard, L-F., 1979, S. 63f.). Wie kann man da mir Reinhard Schweicher gegen Seppmann sagen, er entstelle deren Position? Und wie kann man der Meinung sein, so etwas sei dialektisch aufzuheben?
Ausgangspunkt ist Nietzsches These, die begrifflich verallgemeinernde Ratio vergewaltige das Einzelne und Besondere. Dies wird mit der Totalitarismus-Stereotype verknüpft: Verallgemeinerung bewirke Totalisierung. Der Marxismus wird in dieses Schema gezwängt und behauptet, namens der Rettung des Einzelnen und Besonderen vor diesem Totalitarismus sei eine andere Art Ratio nötig. Es wird postuliert: Am wichtigsten ist dabei, den Begriff der Moderne nicht gleichzusetzen mit den Werten der Moderne, wie beispielsweise: Aufklärung, Humanismus und Emanzipation. Nur so kann ein Begriff der Moderne gebildet werden, der es erlaubt, sinnvoll über den Begriff der Postmoderne zu sprechen und dann diesen Versuch zur Realisierung des Inhalts der Moderne zu verstehen" (Engelmann, P., 1990, s. 8).
Also der Begriff der Moderne sei in Abtrennung von den Werten Humanismus, Aufklärung, Emanzipation zu bilden. Nur so komme man an den Inhalt dessen, was die Postmodernen unter Moderne verstehen. Das Goethe/Schillersche "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", ihr: "Dem Wahren, Schönen, Guten" soll aus dem Konzept der Moderne - wie die Postmodernen es sehen wollen - gestrichen werden. Hat nicht Adrian Leverkühn alias Nietzsche gesagt:
„Ich habe gefunden!', sagte er, "es soll nicht sein". 'Was, Adrian, soll nicht sein?" "Das Gute und Edle", antwortete er mir, "was man das Menschliche nennt, obwohl (!) es gut ist und edel. Um was die Menschen gekämpft, wofür sie Zwingburgen gestürmt, und was die Erfüllten jubelnd verkündigt haben, es soll nicht sein. Es wird zurückgenommen." „Ich verstehe dich, Lieber, nicht ganz. Was willst du zurücknehmen?" "Die 'Neunte Symphonie', erwiderte er ..." (Mann, Th., Doktor Faustus, Frankfurt a. M. 1960, S. 512). Man bedenke aber, daß der letzte Satz der 9. Symphonie mit einer - gemessen an damaliger Theorie und Praxis des Komponierens - chaotischen, destruierenden, im Fortissimo einsetzenden "Schreckensfanfare" (Richard Wagner) beginnt. Gleichsam im damals möglichen postmodernen Stil.
Und dagegen läßt Beethoven singen: "0 Freunde, nicht diese Töne, sondern laßt uns angenehmere anstimmen. Und freudevollere."
Und dann erklingt das Hohelied auf die Freude, auf die Brüderlichkeit, gegen das, "was die" (feudale) "Mode streng“ in Oben und Unten "geteilt" hat, auf einen Gott, der ein "lieber Vater" sein muß, nicht ein solcher, der Knechte braucht, weil er Herren haben will, über welchen Gott Nietzsche gewiß nicht gesagt hätte: "Gott ist tot!".
Entfernung der humanistischen Kultur aus der aufklärerischen, der fortschrittlichen Phase der Moderne. Das ist der Sinn der Strategie zur Einführung jener zweiten Phase der Moderne, jener des Reaktionärwerdens bürgerlicher Ideologie.
Und dann wird das aufgeschlüsselt, was Inhalt dieser Moderne sein soll: "Kern dieses Modernisierungsprozesses ist die Freisetzung des Individuums... In der modernen europäischen Gesellschaft wird das freie Individuum zum Ausgangspunkt der sich verändernden ökonomischen, sozialen und ideologischen Strukturen" (Engelmann, P., 1990, S. 8).
Nun ist das zunächst in dem Sinne falsch, daß die Herausbildung der beiden Grundtypen von Individuen, des Bourgeois und des Proletariers, nicht die Ursache von allem war, denn das war die sogenannte ursprüngliche Akkumulation. Zweitens wäre über die qualitativ unterschiedliche Art von Freiheit beider Grundtypen zu reden. Drittens das freie, von den Werten der Aufklärung befreite (!) Individuum, es ist - um ein Nietzsche-Wort zu benutzen - moralinfrei, Nietzsches Übermensch. Zu einer bürgerlichen Ordnung, deren Grundlage dieses Individuum ist, sagt die Postmoderne ebenso JA, wie sie zu jenem Individuum NEIN sagt, das für die Klassiker von Philosophie und Dichtung, verpflichtet den humanistischen Werten, in Verantwortung vor dem Ganzen zu handeln hätte. Postmoderne dieser Art sei dann "ein neuer Vorstoß in Richtung auf eine angemessenere Form, Gesellschaftlichkeit unter Wahrung der Grundwerte der europäischen Zivilisation, der Freiheit des Individuums zu denken und zu gestalten!' (Engelmann, P., 1990, S. 10 und 12). Da wären einige Fragen angebracht: Wo kommen diese Grundwerte plötzlich her oder in welcher Tradition wurzeln sie, da doch die der Aufklärungsperiode verworfen wurden? Was ist also unter ihnen zu verstehen? Schließlich werden die gleichen Worte auch von solchen Antidemokraten wie Hayek, von Mieses, den sogenannten Neoliberalen benutzt. Wäre es nicht nötig, sich dessen zu erinnern, was selbst nach Engelmann Freiheit meint?
Es wird also - im Rückgriff auf Nietzsches Logik-Kritik - der Anschein des Antitotalitarismus geschaffen, heraus kommt die Freiheit des Nietzscheschen, an keine Moral gebundenen Übermenschen.
Auf dieser Grundlage wird ein angeblich neuer Rationalitätstyp erzeugt, angeblich neu sage ich deshalb, weil er auch schon von Nietzsche stammt: "Die neue Aufklärung - die alte war im Sinne der demokratischen Herde: Gleichmachung aller. Die neue will den herrschenden Naturen den Weg zeigen; - inwiefern ihnen (wie dem Staate) alles erlaubt ist, was dem Herdenwesen nicht freisteht." (Nietzsche, F., Werke, Bd. 83, S. 282) Die neue Aufklärung soll Zusammenhänge destruieren (ein von Derrida eingeführtes Wort), die rationale Begründung durch eine andere Begründungsart ersetzen. Es handelt sich um den Übergang zur Kunst, womit aber das Erfinden von Mythen, von Erzählungen gemeint ist, wie dies Nietzsche mit seinem "Zarathustra" vorgemacht hat. Und was das Destruieren angeht, so ist dies nicht möglich, ohne zu destruierende Zusammenhänge und Regeln des Destruierens vorauszusetzen, womit Allgemeines diesem angeblich pluralisierenden Verfahren zugrundeliegt!
Insbesondere wendet sich die "neue" Aufklärung gegen die Emanzipationskonzeptionen, gegen ihre auf das zu verändernde Ganze gerichtete Denkweise, gegen die "großen Erzählungen“, die das Gesellschaftliche durch Verwirklichung abstrakter Modelle in den Totalitarismus führen. Diese Art Rationalität soll zerstört werden, da sie in Auschwitz ende. Hier die Originalstelle bei Lyotard: "Mir scheint es tatsächlich unmöglich, so weiterzudenken ... so zu tun, als könne eine Art Aufklärungskonzept ... einfach fortgesetzt werden. Ich meine, daß jede Philosophie, die den Emanzipationsgedanken ohne Vorbehalte aufnimmt, die Augen vor dem Wesentlichen verschließt: vor der Niederlage dieses Programms. ... Es handelt sich keineswegs darum, daß Fortschritt nicht stattgefunden hat, sondern im Gegenteil, daß die wissenschaftlich-technische, künstlerische, ökonomische und politische Entwicklung die totalen Kriege, den Totalitarismus, das wachsende Nord-Süd-Gefälle, die Arbeitslosigkeit und die neue Armut, den kulturellen Abbau mit der Krise des Bildungssystems möglich gemacht hat. Brutal gesprochen möchte ich sagen, daß ein Wort das Ende des modernen Vernunftideals ausdrückt, das ist: Auschwitz." (Lyotard, J.-F., 1987, S. 96f.) Das Wort ist ungeheuerlich: Da werden alle Grundverbrechen des Kapitalismus aufgezählt, er selbst aber als Ursache verschwiegen und dafür die Aufklärung, der beste Beitrag des Bürgertums zur Weltkultur, als Ursache der abscheulichsten Verbrechen ausgegeben. Das ist Pseudokritik, Kapitalismus-Apologetik. Weil in Postmoderne-Schriften kritikwürdige Zustände der kapitalistischen Gesellschaft beim Namen genannt werden (das geschieht ja auch bei Nietzsche, dem darum manche Linke auf den Leim gehen!), dürfen wir nicht das Wesen übersehen, den Kapitalismus aus der Schußlinie zu nehmen, gegen den Humanismus zu zielen. Außerdem käme so (in der "Theorie") die Geschichte mit dem Kapitalismus, über den es nicht hinausgehen kann und darf, an ihr Ende!
Die Postmoderne enthält einen tiefen inneren Selbstwiderspruch. Sie denunziert Theorie als "große Erzählung“, erklärt alle großen Erzählungen für relativ. Aber die Postmoderne kann nicht ohne eine Reihe großer Erzählungen auskommen: Erstens ist da die "große Erzählung" von der Existenz großer und kleiner Erzählungen, wobei die großen unzulässig, die kleinen zulässig sind. Da werden zunächst alle diese Erzählungen mittels eines All-Operators, also einer logisch verallgemeinernden Operation zusammengefaßt, womit die Basisannahme der Postmoderne widerlegt ist. Und für diese Unterscheidung großer und kleiner Erzählungen gibt es kein anderes Kriterium als die vorgegebene, die kapitalistische Gesellschaftsordnung.
Zweitens ist da die "große Erzählung“, alle Emanzipationskonzepte (wieder eine logische Verallgemeinerung!) seien gescheitert.
Drittens haben wir die "große Erzählung", die grundlegenden Probleme des Kapitalismus entstammten der Aufklärung; die reale materielle Ursache wird aus der Schußlinie genommen und an ihrer Stelle ein Abgeleitetes, ein Teil des ideologischen Überbaus des Kapitalismus verantwortlich gemacht.
Viertens und keineswegs letztlich wird in einer "großen Erzählung" dargetan, der Kapitalismus sei die "Metaphysik des Willens", das Unendliche des Willens" (da denkt man doch an die Willensphilosophie Schopenhauers und Nietzsches), oder noch einmal Lyotard: "... daß es zum Kapitalismus keine globale Alternative gibt ... „, es "um die Ausdehnung kapitalistischer Produktionsverhältnisse auf Länder" gehe, "die noch bürokratischer Vormundschaft unterstehen (Lyotard, L-F., Immaterialität und Postmoderne, Berlin/W., 1985, S. 66). Der Kapitalismus ist das Ende der Geschichte!
Mit Nietzsche kommt die offen erklärte reaktionäre Wende der Zurücknahme der gesamten humanistischen Kultur. Er kämpft immer wieder an gegen den Plebeijsmus des modernen Geistes, gegen den Pöbel. Die Arbeit bekommt immer mehr alles gute Gewissen auf ihre Seite (Bd. 78, S. 217). Wissenschaft und Moral seien die starken Waffen der Arbeiter, der Sozialisten, und weil die liberale Bourgeoisie - im Gefolge der Aufklärung - davon auch angesteckt sei, wären beide dekadent und die liberale Bourgeoisie unfähig zur Abwehr des Aufstands des Pöbels, der Herde, der Sklaven, der Arbeiter. Folglich seien Wissenschaft - wie erinnerlich hat Gott vor ihr Höllenangst! - Philosophie und Moral einer völligen Umwertung zu unterwerfen. Es gehe um die "Wiederherstellung der Natur: moralinfrei" (Bd. 78, S. 275). Philosophie verlange Argumente, Begründungen, Beweise, Logik statt des Befehls. Der Pöbel komme mit der Dialektik zum Sieg. "... die Unterdrückten haben ihre Feriozität in den kalten Messerstichen des Syllogismus“ (Bd. 78, S. 299). Doch: "Wozu diese Etalage von Gründen? Wozu eigentlich beweisen?" (Bd. 78, S. 299) Logik sei das Bewußtsein der Herde, die alles gleichmachen wolle, das Individuelle vergewaltige. Die Herde wolle mit Gründen, statt mit Affekten kämpfen (Bd. 78, S. 300). Doch die Welt sei ewiges Werden, nichts Festes. Folglich gebe es auch nichts Feststellbares, keine Wahrheit. "Erkenntnis an sich im Werden unmöglich" (Bd. 78, S. 419). Es gibt nichts, es ist nichts, weder Subjekt noch Objekt. Naturgesetz ist ein Wort des Aberglaubens (Bd. 72/Teil II, S. 16). Der begreifende Geist sei erst mit Sokrates in die Welt gekommen, der ein Moment der tiefsten Perversion der Geschichte der Menschheit sei (Bd. 78, S. 298). Eine neue Aufklärung sei nötig: "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt', Zarathustra: Ich nahm euch alles, den Gott, die Pflicht, nun müßt ihr die größte Probe einer edlen Tat geben: Denn hier ist die Bahn der Ruchlosen offen..." (Leipziger Ausgabe, Band XII, S. 306f.) An die Stelle der alten sei eine „fröhliche Wissenschaft“ zu setzen. Unsere Tätigkeit sei in Wahrheit nur Spiel, unsere Geistigkeit nur eine Art ästhetischer Betätigung. Drum sei die Kunst die zutreffende Form des Geistigen, was aber Mythenproduktion bedeute. Unsere Bewußtseinsinhalte seien nicht objektive Erkenntnisse, sondern Metaphern, Fiktionen, Anthropomorphismen, eben: Erzählungen, nichts Wahres: "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt." (Bd. 75, S. 303; Bd. 76, S. 398; Bd. 83, S. 437)
Mit Nietzsche verbindet sich also der Gedanke vom Ende der Geschichte mit dem der Zurücknahme jener emanzipatorischen Kultur, von der Gefahr für die Fortdauer jener Art menschlichen Zusammenlebens ausgehe, die Nietzsche für allein angebracht hielt, des Zusammenlebens auf der Basis von Herren und Knechten.
Letztlich entspringen die auch von Postmodernen vordergründig angeprangerten Grundprobleme unserer Zeit der Ausbeutung der Arbeit und dem Raubbau an der Natur, die beide dem Profitprinzip geschuldet sind. Dies durchdringt das Ganze der Gesellschaft und all seine Teilbereiche. Die faktische Ausklammerung dieser materiellen Basis macht die Kritik der Postmoderne an den Grundproblemen zur Pseudokritik Es gibt folglich genug Gründe dafür, mit Seppmann nach der Herrschaftsfunktionalität der postmodernen Philosophie zu fragen.
Vor allem aber ist m.E. zu fragen: Soll das etwa in dialektischerem Umgang in einen erneuerten Marxismus aufgehoben werden?
Es gibt in Reinhard Schweichers Aufsatz noch ein anderes AufhebungsProblem! Jene, die nicht seine Ansicht teilen, sind nicht fähig, "das Scheitern der Anstrengungen, diese Spannungen auszuhalten, das so manchen linken Nostalgiker in den 'Ruf nach Ordnung', nach 'Einheit, Identität' verfallen läßt oder gar zu wüsten Beschimpfungen der 'Postmoderne' hinreißt." (S. 184) Mir geht es unter Linken zu weit, wenn formuliert wird: Er - Schweicher - müsse dafür Selbstkritik üben, er, als Redakteur, "daß wir dem Seppmann so etwas haben durchgehen lassen» (S. 196). Daß man sich kritisiert, in der Sache auch hart argumentiert, das halte ich für nötig. Aber diesen Ton? Ich hatte eigentlich gedacht, diese Art des Umgangs sei im Meinungsstreit unter Marxisten zu annullieren. Habe ich mich da getäuscht?
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Literatur
Engelmann, P. (Hrsg.), Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart, Stuttgart 1990
Hegel, G.F., Werke in 20 Bänden, Frankfurt a. M., Bd. 12
Lyotard, J.-F., La conditione postmoderne. Rapport sur le savoir, Paris 1979 Lyotard, J.-F., Der Widerstreit, München 1987
Lyotard, J.-F., Immaterialität und Postmoderne, Berlin/W., 1985 Mann, Thomas, Doktor Faustus, Frankfurt a. M. 1960
Nietzsche, F., Werke, Stuttgart 1978, Bde. 72/11. Teil, 75, 76, 77, 78, 83 Nietzsche, F., Leipziger Ausgabe, Band XII
Schweicher, R., St. Werners wackere Attacke gegen Rädelsführer "der 'Postmoderne'" und andere herrschaftsideologische Bösewichter, in: Z 32, Dezember 1997, S. 183ff.
Robert Steigerwald
Quelle: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 33, März 1998, S.210 - 216 Fundort: http://www.dkp-ge.de/marx/postmod/postmod.html
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