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http://www.jungewelt.de/2007/01-22/032.php
Gebühreneinführung vorerst verhindert Protest von Studierenden im westfälischen Münster erfolgreich: Uni-Senat vertagte Entscheidung über Bezahlstudium Von Gerrit Hoekman, Münster
Münster am frühen Samstagmorgen. Blaulicht flackert in der aufziehenden Dämmerung. Zwei Peterwagen stehen quer auf der Landstraße und blockieren die Zufahrt zur ehemaligen Kaserne. »Wenn Sie weiter wollen, müssen Sie schon zu Fuß gehen«, sagt ein Polizist. Wo im Kalten Krieg Raketen lagerten, übt inzwischen das Technische Hilfswerk für seine Einsätze. Ab acht Uhr will der Senat der Westfälischen Wilhelms-Universität auf dem Gelände in einer außerordentlichen Sitzung darüber abstimmen, ob die Studierenden demnächst auch in Münster für Vorlesungen und Seminare bezahlen müssen. 300 Euro pro Semester fordern einige Professoren in ihrem Antrag. Damit würde die letzte Bastion kostenloser Hochschulbildung in Nordrhein-Westfalen fallen.
Seit Tagen machen die Münsteraner Studenten gegen den Plan mobil. Als am vergangenen Mittwoch der Senat einen ersten Versuch unternahm, sich in der Unizentrale, dem alten Schloß, zu treffen, mußte die Sitzung nach kurzer Zeit abgebrochen werden – über tausend Studenten hatten am Sicherheitsdienst vorbei den Saal geentert. Deshalb ist der Senat nun vor die Tore der Stadt geflohen, in ein Waldstück, zehn Kilometer vom Campus entfernt. Geschützt durch einen hohen Zaun und ein Großaufgebot der Polizei. Ein Novum in der langen Geschichte der Universität.
Doch die aufgebrachten Studenten sind dem getürmten Senat gefolgt, rund 500 sind mit Autos, Bussen und Fahrrädern zur alten Kaserne gekommen. »Die können sich nicht vor uns verstecken«, sagt Martin, der wie die anderen vor dem großen Tor im Nieselregen steht. Der angehende Journalist schreibt gerade seine Magisterarbeit, der Abgabetermin steht kurz bevor. Eigentlich müßte er jetzt vor dem Computer sitzen. »Aber diese Kampagne ist wichtiger«, meint er. Die Polizei hat Hamburger Reiter und Videokameras aufgebaut. Ein paar Demonstranten rütteln an den Absperrgittern, ein gereizter Beamter sprüht einem von ihnen Reizgas ins Gesicht. Ansonsten bleibt es friedlich. Die Studenten haben Trillerpfeifen mitgebracht und Transparente. »Bildung für alle und zwar umsonst«, rufen sie laut zur einen Steinwurf entfernt liegenden Baracke hinüber, in der gerade die Senatoren tagen.
Die Atmosphäre zwischen Uni-Rektorat und aktiver Studentenschaft ist mittlerweile frostig wie selten zuvor. Bei den Demonstranten steht die Münsteraner Hochschulchefin Ursula Nelles im Verdacht, umgefallen zu sein. Bislang hatte sie Studiengebühren kategorisch abgelehnt, doch der Druck der Gebührenbefürworter im Senat ist stärker geworden, und keiner weiß, ob die Rektorin noch zu ihrem Wort steht. Die Gerüchteküche brodelt, die Studenten sind wütend. Am Freitag mußte Ursula Nelles kurzfristig den traditionellen Neujahrsempfang im Schloß absagen, auf dem Campus war ein Flugblatt aufgetaucht, in dem Gebührengegner damit drohten, das Fest platzen zu lassen: »Neujahrsempfang der Uni. Wir sind alle eingeladen.« Die Rektorin sah sich deshalb außerstande, die Sicherheit der geladenen Gäste zu gewährleisten. Militante Aktionen seien nicht auszuschließen, hieß es in der Absage. »Die wollen uns kriminalisieren«, fürchtet Publizistikstudent Martin.
Langsam dringt die Feuchtigkeit durch alle Nähte, seit vier Stunden harren die Studenten nun schon aus. Jemand verteilt kostenlos die junge Welt und spendet eine Kiste Mineralwasser. Einige Demonstranten tragen Kisten mit Brot heran. Die Senatoren finden kein Ende. Manchmal kommt einer der vier Vertreter der Studenten im Gremium an den Zaun und berichtet, was drinnen besprochen wird. Dann die erlösende Nachricht – der Senat hat die Entscheidung vertagt, eine Kommission soll bis März über ein neues Finanzierungskonzept nachdenken. Doch große Freude kommt bei den Demonstranten nicht auf: Der Beschluß bringt erst mal ein paar Monate Aufschub, mehr aber nicht. »Die spielen doch nur auf Zeit«, meint einer.
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